A. S. Neill
Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung

Gleich zum Anfang: Alexander Sutherland Neill, der Autor des berühmten Buches über eine freie und demokratische Erziehung, liebte das Wort "antiautoritär" gar nicht. Leider wurde die deutsche Übersetzung seines Buches "Summerhill - a radical approach to child rearing" nicht besonders gut verkauft, was sich allerdings schnell und radikal veränderte, als das Wort "antiautoritär" im Titel auftauchte und es so auch im deutschsprachigen Raum zu einem Bestseller wurde: in weniger als einem Jahr wurden in rascher Folge hintereinander mehr als eine halbe Million Exemplare gedruckt. 

A. S. Neill hatte einen Nerv der Zeit getroffen. Und auch heute bietet sein Buch - trotz oder vielleicht gerade wegen seines schon etwas altmodischen Charmes - viele Impulse und Einsichten. Seine grösste Stärke ist seine Konsequenz. A.S. Neill glaubt ohne Kompromisse an die Fähigkeit von Kindern und Jugendlichen, ihren Weg in Freiheit selbst zu finden, und er hat in Summerhill während vielen Jahren praktisch gezeigt, dass diese Art Schule nicht nur möglich ist, sondern durch ihre Resultate überzeugt.

Ein radikaler Ansatz

Neill's Philosophie ist radikal: kein Zwang, maximale Freiheit, die Schule wird auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet, und nicht umgekehrt. Er schreibt im ersten Kapitel seines Buches:

Wir machten uns also daran, eine Schule zu schaffen, in der die Kinder die Freiheit haben sollten, sie selbst zu sein.  Um das zu ermöglichen, mussten wir auf alle Disziplinarmassnahmen, auf Lenkung, suggestive Beeinflussung, auf jede ethische und religiöse Unterweisung verzichten. (...) Die Teilnahme am Unterricht ist freiwillig. Die Kinder können zum Unterricht gehen, sie dürfen aber auch wegbleiben - sogar jahrelang, wenn sie wollen. (...) Wir sind der Ansicht, dass der Unterricht an sich keine besonders grosse Rolle spielt.

Dies ist ein Ansatz, der voller Vertrauen ist - vor allem voller Vertrauen in die Fähigkeit der Kinder, ihren eigenen Weg zu finden und selbst über ihr Schicksal zu bestimmen. Es ist ein Weg, der als Experiment begonnen hat, und der zu einer Institution geworden ist - die Schule, die 1921 gegründet wurde, existiert heute immer noch.

Dass der Unterricht selbst keine besonders grosse Rolle spielen soll, mag erstaunlich sein für viele, die eins der staatlichen Schulsysteme kennen gelernt haben, wo der Unterricht das Wichtigste überhaupt ist, und wo Kinder und Jugendliche mit allen möglichen Tricks, Unterhaltungen, Drohungen und anderen Manipulationen dazu gebracht werden sollen, einem Thema aufmerksam zu folgen... das sie im Grunde meist nicht besonders interessiert. 

All diese Tricks werden überflüssig - was auch für die Lehrer und Lehrerinnen eine Erleichterung sein mag, nicht nur für die Schüler und Schülerinnen - wenn das Interesse an einem Stoff die Voraussetzung ist, dass überhaupt jemand etwas zu lernen beginnt. Und wo das Interesse da ist, ist die Motivation gegeben.

Freie Erziehung, nicht Freiheit von Erziehung

Einer der Grundsätze von Summerhill lautet: freie Erziehung ist nicht Freiheit von Erziehung. Es ist nicht laisser-faire. 

Kurz gefasst lässt sich sagen: Es ist völlig in Ordnung, Nein zu einem Kind zu sagen, nicht jeden seiner Wünsche zu erfüllen und nicht alles zu tun, was es verlangt. Es ist völlig in Ordnung, wenn Erwachsene etwas für sich tun wollen, nicht jeden Tag das Lieblingsessen ihres Kindes kochen wollen oder den Computer oder den Fernseher wegsperren.

Nicht in Ordnung ist allerdings, vom Kind zu verlangen, Dinge zu tun - und womöglich noch zu verlangen, es solle Freude an der aufgezwungenen Tätigkeit empfinden. Wenn ein Kind keine Lust hat zu essen, gut, dann isst es eben nicht - wenn es keine Lust hat, stundenlang still zu sitzen, gut, dann bleibt es eben nicht sitzen, sondern rennt herum und bewegt sich. Es gibt kaum etwas, was Kinder mehr deformiert, als die ständigen Ansprüche der Erwachsenen, wie Kinder zu sein haben - und im Lauf der Zeit verlernen viele, auf sich selbst zu hören, die eigenen Bedürfnisse und Träume wertzuschätzen und auszusprechen.

Diese Haltung ist den öffentlichen Schulen, wie sie heute sind, immer noch sehr fremd. Öffentliche Schule bedeutet nach wie vor die Dressur zum nützlichen Zahnrädchen im Getriebe der Gesellschaft. Gehorsam und Angepasstheit stehen immer noch weit vor der Entwicklung individueller Fähigkeiten und Talente. Immer noch steht ein oft starrer Lehrplan vor den Bedürfnissen eines Kindes. Und das Traurgiste ist - alle leiden darunter, die Kinder, die Lehrer, die Eltern. 

Direkte Demokratie in der Schule

In Summerhill gibt es Regeln. Manchmal, nicht immer. Und diese Regeln werden von der ganzen Gemeinschaft beschlossen. Einmal pro Woche findet eine Vollversammlung statt, bei der sowohl die ErzieherInnen wie die SchülerInnen je eine Stimme haben. Es ist die Vollversammlung, die über die Regeln entscheidet. Manchmal gibt es Phasen, in denen viele Regeln beschlossen werden, dann wieder Phasen, in denen gleich alle Regeln abgeschafft werden... es ist ein Pendeln und Ausgleichen von verschiedenen Zuständen, und die Regeln werden im Grossen und Ganzen von allen akzeptiert, weil es Mehrheiten sind, die sie beschliessen. Wobei die SchülerInnen deutlich die Mehrheit haben gegenüber den LehrerInnen.

Es gibt einige wenige Ausnahmen: zum Beispiel müssen gesetzliche Vorschriften eingehalten werden. Und beim Einstellen von neuen Lehrkräften oder beim Festsetzen des Schulgeldes ist es die Direktion allein, die entscheidet. Ebenso gilt ein striktes Alkoholverbot in der Schule, das nicht verhandelbar ist. 

Die Resultate sind überzeugend: die Schule reguliert sich selbst, es wird gelernt, es wird gearbeitet - und das ohne Angst und ohne Zwang.

Kinder sind Egoisten

Kinder sind nicht von Natur aus altruistisch. Sie denken zuerst an sich selbst. Sie respektieren nicht das Eigentum anderer, die machen Sachen kaputt, sie sind laut, sie rennen herum und schreien. Neill schreibt:

Wir müssen dem Kind erlauben, egoistisch zu sein - seinen kindlichen Interessen die ganze Kindheit hindurch frei folgen zu können. (...) Die Schule sollte das Leben des Kindes zum Spiel machen. Es heisst nicht, dass es auf Rosen gebettet werden soll. Wenn man dem Kind alles leicht macht, wirkt es sich verheerend auf den Charakter aus. Doch bietet das Leben schon so viele Schwierigkeiten, dass die künstlichen Schwierigkeiten, mit denen wir die Kinder konfrontieren, nicht nötig sind. Es ist falsch, irgend etwas durch Autorität zu erzwingen.

In Summerhill ist den Kindern nicht alles jederzeit zugänglich. Neill hat festgestellt, dass gerade die jüngeren Kinder mit Werkzeug sehr unsorgfältig umgehen, es verlieren, verbiegen, falsch nutzen und verrosten lassen - und hat als Folge davon seine persönlichen, hochwertigen Werkzeuge eingeschlossen und sie nur jenen Schülern und Schülerinnen zur Verfügung gestellt, denen er zutraute, fachgerecht mit ihnen umgehen zu können.

Ebenso ist es durchaus legitim, einem heutigen Kind keinen unbegrenzten Zugang zu elektronischen Medien zu geben, sondern diesen Zugang zu überwachen und zu beschränken. Genauso legitim ist es, dass ein Kind einen Preis bezahlen muss für Dinge, die es von Erwachsenen erbittet. Dieser Preis wird selten in Geld bestehen, sondern eher ein Preis in Aufmerksamkeit und Engagement sein, zum Beispiel: "Wenn du willst, dass ich dir diese Geschichte erzähle, so musst du dafür aufmerksam sein und ruhig bei mir bleiben."

Auch in der antiautoritären Erziehungen sind die Erwachsenen nicht der Spielball der Kinder, sondern Partner - manchmal Partner, die aufgrund ihrer Grösse und ihres Wissens und ihrer Möglichkeiten überlegen sind, manchmal gleichberechtigte Partner, wenn es darum geht, etwas zu entdecken, was für beide Neuland ist. Und hin und wieder sind die Erwachsenen durchaus die Schüler der Kinder - wenn der Papa von der Tochter zum Beispiel sein neustes elektronisches Spielzeug erklärt haben will, von dem sie viel mehr versteht als er.

Wie Lehrer sein müssen

Diese Unterrichtsform verlangt von Erzieherinnen und Lehrern vor allem eines: Aufrichtigkeit. Die Kinder werden als Gleichberechtigte behandelt, und das bedeutet auch, dass ihnen nicht "zu ihrem Schutz" unangenehme Wahrheiten erspart werden. 

Wer wünscht, dass Kinder sich daran gewöhnen, aufrichtig zu sein, muss selbst aufrichtig sein. Neill schreibt:

Für die Familienlüge gibt es zwei Motive: das Kind soll gut erzogen werden, und es soll von der Vollkommenheit der Eltern beeindruckt werden.

Eltern und LehrerInnen sind aber nicht vollkommen, und auch Eltern und LehrerInnen benehmen sich immer wieder mal schlecht - auf eine Weise, die sie bei ihren Kindern nicht akzeptieren würden. Das Lügen ist ein Versuch, ein tolles Bild von sich selbst zu schaffen, um durch die Autorität dieses Bildes die Kinder zum Gehorsam zu bringen. Nur sind Kinder nicht dumm, und durchschauen solche Lügen schnell - nicht unbedingt bewusst, aber sie merken es unbewusst und handeln entsprechend.

"Kinder lügen aus Angst", meint Neill - und wo Kinder keine Angst zu haben brauchen, weil die Erwachsenen auch wahrhaftig sind, so werden sie sich nicht zum Lügen hingezogen fühlen.

copyright

© Barbara Seiler 2009 - www.in-formations.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.

Literaturhinweis

Weblinks