Fremdsprachen lernen

Das Lernen von Fremdsprachen in den Schulen ist, leider, meist grammatiklastig und auf das Lernen von Wortlisten fokussiert. Das heisst, dass die Schüler und Schülerinnen lange Listen von Wortschatz auswendig lernen müssen – und dass sie ebenso lange Listen von grammatischen Regeln auswendig lernen müssen. Und dann irgendwie die Worte und die Grammatik zusammenstoppeln müssen.

Das Resultat davon ist: auch nach vielen Jahren Unterricht sind sie selten in der Lage, spontan und flüssig auch nur einfache Gespräche zu führen. Bei jedem Satz müssen sie die Worte zuerst suchen und dann überlegen: Dativ oder Akkusativ? Imperfekt oder Perfekt? Und wie, um Himmels willen, wird das gebildet und zusammengesetzt? Wie ist die Reihenfolge der Worte? Das ergibt im besten Fall ein langsames, krampfhaftes Sprechen – im unglücklichsten Fall ein völliges Verstummen.

Aber das geht auch anders.

Wie Kinder ihre Muttersprache lernen

Kein Kind lernt seine Muttersprache mit dem Grammatikbuch in der Hand. Kinder lernen, indem sie hören und nachahmen. Sie schnappen Sätze und Satzfetzen aus ihrer Umgebung auf und sprechen sie nach. Sie sind von Anfang an mit der ganzen Fülle grammatikalischer Erscheinungen konfrontiert, von unregelmässigen Verben (die meist zu den wichtigsten Wörtern einer Sprache gehören) bis zu komplexen Satzkonstruktionen, sprachlichen Abkürzungen, Zusammenziehungen und Ausnahmen... und aus diesem ganzen Gewirr lernen sie, ihre eigene Sprache korrekt zu sprechen.

Durch regelmässigen und häufigen Gebrauch lernen sie ihre eigene Sprache kennen. Es entstehen mit der Zeit Wort-Einheiten und Sätze, die sie immer besser miteinander verknüpfen und vernetzen können. Ohne dass sie jemals formale Grammatik gelernt haben, ist ihnen dennoch klar, wie ein Wort in bestimmten Zusammenhängen verwendet werden muss und was es bedeutet. Ebenso ist es für Muttersprachler selten ein Problem, die Grammatik neuer Wörter korrekt anzuwenden. Dass das Neo-Wort “googeln” im Perfekt “ich habe gegoogelt” heisst, ist sofort und ohne Zweifel klar.

Fremdsprachen wie die Muttersprache lernen

Diese Art des Sprachen-Lernens kann auch auf Fremdsprachen angewandt werden. Kenntnisse von Grammatik können hilfreich sein als Unterstützung – es ist durchaus praktisch, wenn man weiss, was ein Verb ist und was ein Subjekt – sind aber nicht unbedingt notwendig dazu. Wichtig ist aber, eine Fremdsprache sofort im Kontext von Sätzen und Texten zu lernen – nicht in erster Linie als isolierte Wörter und Regeln – sie viel und oft zu hören, und sie genau auszusprechen.

Sätze lernen

Es ist nicht viel mehr Aufwand, sich einen ganzen Satz zu merken, als sich ein einzelnes Wort zu merken. Zusätzlich sind im Satz aber eine ganze Menge mehr an Informationen enthalten – der Gebrauch von Präpositionen, die Deklination, die Satzstrukturen werden automatisch mitgeliefert.

Eine Lernaufgabe, die in vielen Sprachen grundlegend ist, ist die Deklination des Wortes “sein”:

ich bin
du bist
er, sie, es ist
wir sind
ihr seid
sie sind

Diese kleine Liste kann auf einfache Weise zu Sätzen ausgebaut werden:

Ich bin gross
Du bist klein.
Er ist Lehrer.
Sie ist Direktorin.
Es ist ein schöner Tag.
Wir sind ganz nass.
Ihr seid wirklich gut.
Sie sind sehr müde.

Das sind Sätze, die schon in einem Gespräch angewandt werden können – gutes, korrektes, richtiges, flüssiges Deutsch.

Sätze ausbauen

Diese kleinen Sätze werden immer wieder repetiert, bis sie selbstverständlich und von allein auswendig sitzen und abgerufen werden können. Durch das eingebettet-sein in die Satzstrukur wird auch ein vielseitigerer Zugang erreicht. Im obigen Beispiel wird kann das “er ist” auch abgeholt werden mit der Frage: wie ging der Satz mit dem Lehrer drin...? - als Beigabe wird der Beruf des Lehrers auch gleich mitgelernt. Und das Wissen, dass zur Bezeichnung von Frauen, die einen Beruf ausüben, das -in am Wort angehängt wird.

Darauf kann aufgebaut werden: die Sätze können erweitert und komplexer gemacht werden, was nicht besonders schwierig ist, da ein grosser Teil des Satzes schon bekannt und gut verankert ist – und wenig Neues dazu kommt.

Ich bin grösser als du.
Du bist klein und fein.
Er ist Lehrer, weil er Kinder liebt.
Sie ist eine sehr engagierte Direktorin, die viel arbeitet.
Es ist ein schöner Tag, den ich sehr geniesse.
Wir sind ganz nass, weil wir in den Regen gekommen sind.
Ihr seid wirklich gut – das habt ihr toll gemacht!
Sie sind sehr müde und erschöpft

Wer im Selbststudium lernt oder nicht jemanden zur Hand hat, der die Korrektheit der so gebildeten Sätze überprüfen kann, kann auch umgekehrt vorgehen: einen fremdsprachigen Text nehmen, übersetzen und auswendig lernen.

Elemente ersetzen

Ein weiterer Schritt in der Vernetzung besteht darin, dass aus gut bekannten Sätzen einzelne Elemente genommen und mit anderen ersetzt werden:

Sie ist eine sehr engagierte Direktorin, die viel arbeitet.
Sie ist eine sehr engagierte Köchin, die viel arbeitet.
Sie ist eine sehr engagierte Musikerin, die viel arbeitet.
Sie ist eine sehr engagierte Sekretärin, die viel arbeitet.
Sie ist eine sehr engagierte Maurerin, die viel arbeitet.

oder:

Sie ist eine sehr engagierte Direktorin, die viel arbeitet.
Sie ist eine sehr fleissige Direktorin, die viel arbeitet.
Sie ist eine sehr kompetente Direktorin, die viel arbeitet.
Sie ist eine sehr vertrauenswürdige Direktorin, die viel arbeitet.

nach einigen Sprachspielen mit dem Ersetzen von Wörtern wird auf alle Fälle der Relativsatz “die viel arbeitet” sehr gut verankert sein, einige neue Wörter gelernt sein – nicht alle, aber das ist nicht nötig - und ein weiterer Schritt zu einem flüssigen und selbstverständlichen Sprachgebrauch geschehen sein.

Bei diesen Übungen ist es wichtig, die Sätze flüssig und ohne Stocken sprechen zu lernen – so wie es in der Muttersprache geschieht.

Der Wert von Wiederholungen

Menschen lernen durch Wiederholung. Was täglich gehört, gesehen und getan wird, das wird mit der Zeit zu einer Selbstverständlichkeit, über die nicht mehr bewusst nachgedacht werden muss, sondern die spontan abgerufen wird, sobald sie benötigt wird.

Wiederholungen haben den Ruf, äusserst langweilig zu sein. Und das ist auch wahr, wenn mechanisch und streng NUR wiederholt wird. Wenn allerdings das Wiederholen kombiniert wird mit wenigen, neuen Aspekten, so vermittelt das Wiederholte ein Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Vertrauteheit, was das Einbetten von Neuem erleichtert.

Der Gebrauch von Grammatik

Sobald einige Sätze bekannt sind, tauchen oft Fragen auf, zum Beispiel: “die Mutter” ist ein weibliches Wort, warum heisst es also “das Haus der Mutter”, also mit dem männlichen Artikel? In solchen Momenten ist es sinnvoll, die Grammatik hervorzunehmen und über den Genetiv zu sprechen, der Besitzverhältnisse und Abstammungen anzeigt, und seine Formen zu betrachten. So kann die Theorie gut eingebettet werden in die Praxis und sorgt für mehr Verständnis – im Gegensatz zum umgekehrten Verfahren, wo zuerst die Theorie gelernt wird, die dann oft nur schwer in die Praxis umgesetzt werden kann.

Demütiges Spielen

Das Lernen von Sprache ist ein Spiel – es darf amüsant sein, es dürfen Fehler gemacht werden, es darf gelacht werden. Entpanntes Lernen ist deutlich effektiver als ein verbissenes, verkrampftes Lernen!

Das Lernen von Sprache benötigt Demut, weil die eigenen Erwartungen – oder auch die Erwartungen von der Schule – nicht immer sofort und selbstverständlich erfüllt werden können. Es gibt immer wieder Worte, die man sich nicht merken kann, die immer wieder entschlüpfen, aus welchem Grund auch immer... es gibt immer wieder Fehler. Demut ist notwendig, weil der Lernprozess nicht erzwungen werden kann – es benötigt oft Beharrlichkeit und viele Wiederholungen, bis das Fremde zum Selbstverständlichen geworden ist. Ein Trost ist allerdings: Beharrlichkeit zahlt sich aus, und irgendwann wird das, was früher unbekannt war, gut verankert sein.

Das ist ein Prozess, der oft leise und unmerklich passiert. Es geschieht immer wieder, dass ein Nachhilfeschüler erstaunt berichtet, die Prüfungen in diesem oder jenem Fach seien einfacher geworden – was aber nicht der Realität entspricht, sondern umgekehrt: er hat gelernt und verinnerlicht, worauf es ankommt, was als Folge mehr Leichtigkeit und ein besseres Verständnis ohne Anstrengung hat.

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© Barbara Seiler 2009 - www.in-formations.net
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