Zwei Arten des Lernens: erarbeiten und erkennen

Wovon LehrerInnen heimlich träumen

Lehrer und Lehrerinnen sind in der Regel Menschen, die ihren Beruf als Berufung verstehen: junge Menschen anleiten, ihnen etwas mitgeben, sie bilden und formen, vielleicht gar, sie zu besseren Menschen zu machen.... hehre, hohe Ziele! 

Harsdörffer, Georg Philipp: Poetischer Trichter.
Nürnberg 1648-1653

Harsdörffer, Georg Philipp: Poetischer Trichter. Nürnberg 1648-1653

Wenn da nur nicht die real existiernden Schüler wären. Jene, die resistent scheinen gegen jede Form von Didaktik. Jene, denen die mühsam vorbereitete Lekton nur ein gelangweiltes Gähnen abringt. Jene, die immer wieder dieselben Fehler machen...

Lehrer und Lehrerinnnen haben eine Engelsgeduld, doch auch diese kommt manchmal an ihre Grenzen, und da wagt mensch, manchmal zu träumen... wie schön wäre es doch, das Wissen einfach reinstopfen zu können, und gut ist! Keine beständigen Wiederholungen, nicht immer dieselben Fehler, nicht schon wieder ein Irrtum, wo man doch meinte, es sei endlich verstanden worden...

Die guten LehrerInnen gehen dann in die Schule und lasse die Träume Träume sein, im Wissen darum, dass das Lehren ein Arbeit ist, die nicht nur viel Geduld, sonstn noch mehr Demut erfordert, und sie erklären zum fünfzigsten Mal dasselbe, und suchen noch die einundfünfzigste Art, etwas darzustellen, wenn die ersten fünfzig nicht funktionieren. Und sie geben darauf acht, nicht schlechte LehrerInnen zu werden, die das Trichterprinzip anwenden: reinstopfen, Mund verschliessen, warten bis das Opfer schluckt.

Zwei Arten des Lernens

Zwei Arten des Lernens gibt es, zwei unterschiedliche Qualitäten, wie etwas gelernt werden kann. Sie sind voneinander verschieden wie Tag und Nacht, finden auf völlig verschiedenen Ebenen statt.

Die erste Art des Lernens ist im besten Fall repetitives, langwieriges Kauen von Daten und Fakten, im schlechtesten Fall eine mühselige und anstrengende Qual. 

Die zweite Art zu lernen hingegen ist eine lebendige, seelenvolle, inspirierende Herausforderung.

die erste Art des Lernens: Daten speichern

Die erste Art zu lernen ist jene, wo es darum geht, so viele Informationen wie möglich abzuspeichern: Wortschatzlisten, mathematische und physikalische Formeln, Grammatikregeln, Daten und Ereignisse... Diese Art des Lernens ist eine Frage von Fleiss und Ausdauer und funktioniert nach dem Prinzip "je mehr, desto besser". Je mehr jemand lernt und übt, desto mehr Fakten und Daten sind und bleiben abgespeichert und können später nach Belieben hervorgeholt werden. Was noch lange nicht heisst, dass in der Praxis dieses Wissen irgend etwas nützt. 

Diese Art des Lernens kann jemanden in einer Schulkarrierere auch sehr weit bringen - bestimmt bis zur Hochschulreife, vielleicht auch noch viel weiter. Das Lernen und Wiedergeben von Faktenwissen ist hoch angesehen und das, was in so gut wie allen theorielastigen Schulen und Studiengängen zum Bestehen von Prüfungen führt. Doch es ist nicht dieses Lernen, was und zu Menschen macht - es macht uns nur zu ziemlich schlechten Computern und Karteien.

Die zweite Art des Lernens: Aha-Effekte

Die andere Art des Lernens ist jene, in der Zusammenhänge erkannt werden; wo Fakten verknüpft werden und in ein grösseres Bild integriert werden. Es ist jene Art des Lernens, die vom Ausruf begleitet ist: Jetzt verstehe ich, jetzt ist mir ein Licht aufgegangen! Strukturen werden sichtbar. Aha-Effekte stellen sich ein. Der Mensch weiss nicht nur, dass er etwas tut, sondern er weiss auch, warum er es tut und wozu er es tut.

Das Dumme an dieser Art des Lernen ist: sie kann nicht kontrolliert werden. Daten und Fakten kann man reinstopfen, wiederholen, aufsagen lassen - Verständnis ist da oder eben nicht da. Und viele LehrerInnen, besonders jene vom mathematischen Fach, dürften immer wieder mal der Verzweiflung nahe sein und sich die Haare raufen, wenn der Pythagoras oder das Bruchrechnen nur zu wildem, aber rein zufälligem Gekritzel führt, ohne Verständnis des Kritzelnden, und (innerlich oder äusserlich ausrufen): Aber das ist doch offensichtlich, warum es so ist, wie es ist!

Das Problem ist, dass nichts Schwieriger ist, als Dinge zu vermitteln, die entweder auf den ersten Blick einleuchten und dem Betrachtenden ihre innere Struktur offenbaren... oder es eben nicht tun.

Diese Art des Lernens beruht darauf, dass einzelne Daten und Fakten zu einem grösseren Gesamtbild angeordnet werden, Hierarchien von Begriffen gebildet, werden, verschiedene Bereich miteinander verknüpft und aufeinander übertragen werden.

Dies hat zur Folge, dass das Gelernte flexibel in einer Vielzahl von Situationen angewendet werden kann, der Transfer der Theorie in die Praxis funktioniert, und das Lernen deutlich weniger Zeit in Anspruch nimmt als das Lernen von isolierten, voneinander unabhängigen Fakten.

Wann kann jemand Französisch?

Viele Menschen lernen während mehrerer Jahre an der Schule Fremdsprachen. Besonders schwierig für Deutschsprachige ist Französisch, das eine ganz andere Energie hat als das Deutsche und ein ganz anderes Denken und Fühlen erfordert. Mit französischer Grammatik wurden schon Generationen deutschsprachiger GymansiastInnen in den Wahnsinn getrieben... und umgekehrt ist es dasselbe Problem, Franzosen und Französinnen kommen nur schwer zurecht mit der deutschen Sprache.

Stellen wir uns vor, eine Gymnasiastin verschlage es nach bestandener Hochschulreifeprüfung nach Frankreich, wo sie in einer Stadt nach dem Weg zum Bahnhof fragen will. Und wie es so ist in Frankreich: Franzosen sprechen konsequent Französisch. 

So nimmt sie ihren ganzen Mut zusammen, spricht jemanden an und sagt "Bonschuur" und denkt "ich", das heisst auf Französisch "je" und dann "möchte", das ist ein Konditionell, verdammt wie geht die Form schon wieder, also wurst, was war schon wieder gehen? sowas wie alleee? und Bahnhof, ich glaub war das irgenwas mit train? und bringt zu guter Letzt etwas heraus wie "Je aller train, bitte schön?" und verflucht sich selbst, weil nach acht Jahren Unterricht eine solche Fehlleistung doch allzu peinlich ist. Wofür sie aber nicht viel Zeit hat, da sie inzwischen mit dem freundlich-beantwortenden Wortschwall fertig werden muss und sich entschliesst, einfach mal so ungefähr in jene Richtung zu gehen, in die der nette Herr mit den Armen gewedelt hat, weil von wegen genauer Anweisung blieb gar nichts hängen.

Das Traurige an dieser Karikatur ist nicht, dass sie so verkehrt ist. Das Traurige ist, dass der wahre Kern darin so gross ist. Lernen in der Schule besteht in den meisten Fällen darin, jede Menge unzusammenhängende Einzeldaten in sich einzuprügeln, worauf in einer praktischen Situation jede Menge Grammatikregeln durch den Kopf schwirren und das Bilden schon von einfachen Sätzen minutenlang dauert, wenn sie auch nur einigermassen korrekt sein sollten.

Hoffen wir, unsere Gymnasiastin kaufe sich in der nächsten Buchhandlung einen Reiseführer (geht schweigend - Preis ist angeschrieben, einfach Geld hinstrecken) und kann von da an einfach auf die Sätze zeigen: "Où est la gare, s'il vous plaît?" und "je ne parle pas bien le français."

Und so wird sie es dann früher oder später auch lernen - im Kontext. So wie alle Kinder es lernen, denen auch niemand mit einem Grammatikbuch vor der Nase rumwedelt und von ihnen Listen mit unregelmässigen Verben abfragt. Wie konnte bloss jemand auf die Idee kommen, es sei eine gute Idee, dies mit älteren Kindern zu tun?

Wie lernen?

Doch wie soll Lernen nun am besten vor sich gehen, wenn das Erkennen von Zusammenhängen nicht erzwungen werden kann, sondern es kommt, wenn es eben kommt... oder auch nicht?

Das Sehen von Zusammenhängen und die Aha-Effekte und die Erleuchtungen können zwar nicht erzwungen werden, doch sie können gefördert und eingeladen werden.

Dies geschieht, indem von Anfang an immer das Ganze im Auge behalten wird: von der grossen Gesamtübersicht wird ein Detail herausgepickt, mit der Lupe angeschaut, und in den Kontext eingeordnet - ein neues Detail wird betrachtet, in Beziehung gesetzt zum schon Bekannten, und wiederum das Gesamtbild betrachtet, das durch jedes neue erworbene Detail eine neue Färbung erhält. Viele verschiedene Zugänge gestatten es, eine Vielzahl von Perspektiven einzunehmen und kennen zu lernen. Das Verknüpfen der verschiedenen Perspektiven schafft ein Netz, sowohl metaphorisch als Begriffs-Netz wie auch physisch als eine Verknüpfung von Nervenzellen im Körper. 

Konkret können folgende Methoden und Techniken angewendet werden:

Vernetztes Lernen führt dazu, dass Lernen Freude machen kann - dass ein Thema wirklich in der Tiefe erarbeitet wird, und nicht nur oberflächlich gestreift und gleich wieder vergessen. Weniger ist oft mehr, wenn es um das Lernen geht - und wichtiger als die Sachkompetenzen, die dabei erarbeitet werden, sind Fähigkeiten wie: sich selbst vertrauen lernen, wissen dass eine Lösung da sein wird, Durchhaltevermögen, Selbstbewusstsein und Freude über eine erbrachte Leistung. Mit der Zeit wird die Anzahl der Aha-Effekte von selbst zunehmen und immer komplexere Probleme werden zugänglich. In solchem Lernen ist ein Mensch wirklich Mensch.

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© Barbara Seiler 2009 - www.in-formations.net
Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fussnote gerne weitergegeben werden.