Der Schule geht es schlecht. Die LehrerInnen haben Probleme, die SchülerInnen haben Probleme, es fehlt an allen Ecken und Enden, und das Schlimmste: kaum ein Kind übersteht die Schulzeit unbeschädigt. Die allermeisten werden eingeengt, diszipliniert, stranguliert, reglementiert, drangsaliert...
Zu harte Worte, meinen Sie? Leider nein. Auf den ersten Blick sieht alles gar nicht so schlimm aus, und ist so gewohnt, dass es nicht weiter auffällt, sondern als normal gilt - auf den zweiten Blick tauchen Fragen auf. Jede Menge Fragen. Mir haben sich diese Fragen sowohl in meiner sehr kurzen Karriere im öffentlichen Schulwesen gestellt (und ich bin dankbar, dass diese beendet ist) - dort mit aller Schärfe - und sie stellen sich täglich in der Arbeit mit Schülern und Schülerinnen, die Nachhilfe- und Stützunterricht in Anspruch nehmen. Unser heutiges Schulsystem war wohl einmal gut und sinnvoll, es hat sich allerdings gründlich überlebt und richtet heute mehr Schaden als Nutzen an.
Einige der wichtigsten Kritikpunkte sind diese:
Kinder lernen gern und gut. Von Natur aus tun sie nichts lieber als lernen: experimentieren, Versuche anstellen, ausprobieren, sich Ziele setzen, daran herumgrübeln, scheitern und es nochmals versuchen, total begeistert und ernsthaft vertieft sein... doch das bedingt, dass sie so lernen können, wie sie wollen und wie es ihnen entspricht. In ihrem Tempo, mit den Pausen, die sie benötigen, und mit den Themen, die sie interessieren.
In der Schule - sowohl den öffentlichen Schulen, aber auch vielen privaten Schulen - geht das alles nicht mehr. Gelernt muss werden, was der Lehrplan vorschreibt, und wie es der Lehrplan vorschreibt. Dies ist so ungefähr das sicherste Mittel, um dem grössten Teil der Kinder die Freude am Lernen in kürzester Zeit gründlich auszutreiben. Lernen wird nicht mehr assoziiert mit Kreativität, Freude am Experimentieren und Lust am Spiel, sondern mit dröger, langweiliger, mühsamer und oft unverständlicher Arbeit.
Eng mit dem Lernzwang verbunden sind die Lehrpläne: Disziplinierungsinstrumente, die es möglich machen sollen, einen Haufen ganz verschiedener Kinder und Jugendlicher in ein Schema zu pressen und im Gleichschritt-marsch vorwärts durch die Schule zu bringen.
Moderne Lehrpläne sind erschröckliche Dokumente: sehr dick, sehr umfassend und detailliert ist in ihnen notiert, was bis wann gelernt sein muss. Die Aufgaben nehmen ständig zu: in der Grundschule werden nicht nur die Klassiker lesen, schreiben, stillsitzen geübt, sondern da muss die Zahnputzstunden noch rein, ein Häppchen Ernährungslehre, ein Stündchen Sexualaufklärung, ein bisschen Schulsporttag, ein wenig Weihnachtsaufführung... kein Wunder sind alle im Stress, ist Burnout bei den Lehrern und Lehrerinnen eine weit verbreitete Berufskrankheit und Schule bei vielen Kindern und Jugendlichen mit Bauchschmerzen verbunden und für Eltern oft ein riesiger Stressfaktor.
Die Wahl des Schulstoffs ist, besonders bei den Kindern der Grundstufe, so ziemlich ohne Berücksichtigung der biologischen Grundlagen des Lernens.
Die ganz kleinen Kindern, vom Säugling bis ungefähr mit sieben Jahren, lernen in erster Linie, ihren Körper zu beherrschen: das Gehen, das Sprechen, das Essen mit Messer und Gabel, auf einen Baum zu klettern, auf einem Geländer zu balancieren, eine Velokette wieder einzuspannen, eine Schraube anzuziehen... und grösstenteil wird ihnen dieses Lernen auch erlaubt, auch wenn es hier einige Probleme gibt - viele Kinder in der Stadt können nicht ohne weiteres nach draussen gehen, um herumzutoben, und zu viele Kinder haben zu früh übermässigen Zugang zu Bildschirmaktivitäten, sei das Computer oder Fernsehen oder Spielkonsole.Bei den älteren Jugendlichen, so ab der Pubertät, wenn Gymnasium und Lehre und generell die Sekundarstufe an der Reihe ist, dort passt es im Grossen und Ganzen auch: ihr Thema ist es, sich die mentalen und rationalen Werkzeuge anzueignen, die in dieser Zeit des Lebens zugänglich werden. Es ist die Zeit der Kritik und des Idealismus und das Entdecken von Logik und Zusammenhängen... dieses Bedürfnis wird in dieser Schulstufe befriedigt.
Unter die Räder kommen allerdings die Kinder der Grundstufe, zwischen ungefähr sieben und zwölf Jahren. In dieser Lebensphase ist das wichtigste Thema, die sozialen Sachen zu lernen - Freundschaft, Feinschaft, Verlässlichkeit, Termine vereinbaren, Geburtstagseinladungen, streiten, versöhnen, wieder streiten, wieder versöhnen - doch diese Hauptaufgabe wird in der Schule grösstenteils ignoriert. Anstelle dessen werden die Kinder mit ABC und Einmaleins geplagt, das sie in diesem Moment des Lebens längst nicht alle interessiert, und auch nicht interessieren muss. Da werden sie dazu konditioniert, ruhig auf ihren Stühlen sitzen zu bleiben und sich mit abstrakten Inhalten zu befassen, die sie später - wenn sie soweit wären - viel leichter und schneller werden könnten. Womit nicht wenigen, durch den ständigen Leistungsdruck, das Leben zur Hölle gemacht wird. Das soziale Leben findet auf dem Schulhof statt, und allzu oft hat es einen grossen Anteil an Mobbing, der subtil genug ist, um von den aufsichtsführenden Lehrkräften übersehen zu werden, und krass genug, um vielen Kindern das Leben auch noch dort zur Hölle zu machen. Sehr wenige Kinder haben ausschliesslich gute Erinnerungen an die Schule.
Damit die vom Lehrplan vorgegebenen Lernziele auch nur halbwegs erreicht werden können, bleibt den Lehrern und Lehrerinnen, die nicht gerade als pädagogische Genies geboren wurden, nur eine Möglichkeit: strikte Dressur.
Dass heute das ganze Schulsystem vollgekleistert ist mit wohltönenden sozialpädagogischen Vokabeln, mit Verantwortung, sozialer Kompetenz, Leitbildern, psychosozialer Gesundheit, Anti-Aggresions-Trainings, Dyskalkuliepädagoginnen, offenen Lernformen, individualisiertem Unterricht und was der wohlklingenden Vokabeln sonst noch sind, ändert nichts an der einfachen Tatsache: im Falle eines Falles muss das Kind tun, was die Erwachsenen wollen, sonst gibt's Ärger. Was, im Grunde genommen, nach wie vor verlangt wird, ist angepasstes Verhalten, und sonst nichts.
Ein Kind, das während seiner ganzen Schulzeit ruhig auf dem Stuhl sitzt und immer schön brav ist, kann die grössten Probleme haben - die Chance ist gross, dass niemand diese Probleme bemerken wird, und falls sie bemerkt werden, dass niemand handeln wird, um sie zu verändern. Kinder, die laut, lebhaft und auffällig sind - in den meisten Fällen Buben - werden innert kürzester Zeit einer ganzen Batterie von Hilfsangeboten und Sonderpädagogiken und psychologischen unterworfen, die sie so schnell wie möglich auf den guten Weg des bravan, angepassten Kindes zurück bringen sollen.
Fraglich scheint mir, ob die Situation früher schlimmer war, als es noch üblich und rechtens war, wenn Lehrer Gewalt gegenüber den Kindern anwandten und sehr autoritär waren, kleine Götter in ihren Schulzimmern - zumindest war die Situation eindeutig und klar. Heute ist es viel verschwommener, der Stock ist physisch nicht mehr vorhanden, oberflächlich wurden viele der Idealer der freien Schulen und der antiautoritären Erziehung übernommen, unter der Oberfläche gilt nach wie vor das alte autoritäre System. Das erzeugt eine Spannung und Widersprüche zwischen dem, was gesagt wird und dem, was getan wird.
Wird in unseren Schulen für das Leben gelernt? Die Antwort ist eindeutig: nein. Mit wenigen Ausnahmen werden die Kinder und Jugendlichen auf eine Gesellschaftsform hin konditioniert, die es nicht mehr gibt: die Gesellschaft des Wirtschaftswunders und der Vollbeschäftigung. Die Dinge, die sie lernen, nützen ihnen im Alltag wenig bis nichts.
Sie wachsen in Angst auf und wissen nicht, ob sie je fähig sein werden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen - viele sind hervorragend ausgebildet und purzeln doch nur von einem unbezahlten Praktikum zum anderen. Sie strengen sich an und versuchen an das Versprechen zu glauben: wer gut ausgebildet ist, bekommt eine Stelle - und stellen fest, dass dem nicht so ist.
Viele wichtige Kompetenzen hingegen werden an Schulen nicht gelehrt, und auch nicht als Schlüsselkompetenzen anerkannt und gefördert. Dazu gehören alle sozialen Kompetenzen, grösstenteils die künstlerisch-kreativen Fähigkeiten, und die Wertschätzung für manuelle Fähigkeiten ist in einigen Ländern auch sehr gering. Immer mehr Karrierewege verlangen ein Abitur, eine Matura - ein Abschluss, der bald nicht mehr das Papier wert sein wird, auf dem er steht. Und ernsthaft, was kann denn jemand, der ein Abi hat? Nicht viel. Und nichts richtig. Ausser, dieser junge Mensch habe sich dieses Wissen anderweitig geholt, sei dies durch ein Engagement in einem Verein oder in einem Job neben der Schule.
Die Leistungsverrücktheit unserer Zeit geht seltsame Wege: Kriterium für gute Prüfungen ist die Fähigkeit, sich viele Daten und Fakten ins Kurzzeitgedächtnis zu stopfen, sie an der Prüfung wiederzugeben - und sie dann zu vergessen, damit das Nächste reingestopft werden kann. Eben Bulimie-Lernen: fressen, kotzen, vergessen.
Irgendwie finden das auch alle gar nicht so gut... aber irgendwie machen doch alle mit. GewinnerInnen der Situation sind jene, die zufälligerweise eine schnelle Auffassungsgabe und ein gutes Kurzzeitgedächtnis mitbringen - was ja durchaus gute Fähigkeiten sind, aber bestimmt längst nicht ausreichen, um ein erfolgreiches Leben zu führen - wie auch immer "erfolgreich" definiert werden soll.
Einen Wissenstransfer der Theorie in die Praxis können wir bei diesem System gleich mal vergessen. Genauso wie das Denken in Zusammenhängen, das Erkennen von Strukturen, das Bilden von Analogien, das Herumspielen mit verschiedenen Konzepten, das Philosophieren in diesem Stress keinen Platz hat. Leistung muss erbracht werden, egal ob sinnvoll oder nicht, egal, ob die Hintergründe verstanden wurden oder nicht.
Geschätzte Lehrer und Lehrerinnen, PädagogInnen, LogopädInnen, PsychologInnen und sonstigen Fachkräfte im öffentlichen Dienst!
Wenn ich an Sie denke, wanke ich zwischen Bewunderung und Abscheu.
Bewunderung, weil Sie einen äusserst harten Beruf haben, zerrissen werden von den verschiedensten Ansprüchen, Superwoman oder Superman sein müssten, engagiert immer wieder noch ein Fest, noch eine Schulreise, noch eine Sitzung, noch mehr administrativen Aufwand auf sich nehmen, und dazuwischen sogar noch Zeit finden zu unterrichten - ehrlich, ich kann das nicht. Ich würde in kürzester Zeit den Bettel hinschmeissen und die Nerven verlieren.Ich bin schlicht nicht in der Lage, all das zu leisten, was Sie jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr leisten. Hut ab.
Abscheu aber, weil ich mich frage: wie können Sie dieses System durch Ihre Arbeit stützen? Sehen Sie nicht, wie die Kinder leiden, und wie Sie Kinder leiden machen müssen, um Ihren Beruf auch nur einigermassen korrekt zu erfüllen? Merken Sie es nicht, oder wollen Sie es nicht merken? Hängen Sie selbst zu sehr in diesem Hamsterrad drin? Was ist da los?
Ich weiss nicht, was ich davon halten soll - besonders darum nicht, da jene Lehrer und Lehrerinnen, die ich persönlich kenne, in der Regel freundliche, liebevolle Menschen sind. Und doch, wie mir scheint, oft blind - ob bewusst oder unbewusst - für das, was ihre Schüler und Schülerinnen bewegt.
So kann Schule nicht weiter gehen. Es muss sich etwas ändern, und das schnell.
© Barbara Seiler 2009 - www.in-formations.net
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